Auf zu neuen Ufern

Stress und die Komfortzone

Die Komfortzone ist unsere persönliche Wohlfühlzone. Alles darin ist uns vertraut, Aktivitäten, Gedanken, Menschen, Emotionen, kurzum alles was wir für selbstverständlich halten. Innerhalb dieser Grenzen agieren wir im Autopilot-Modus. Wir müssen nur wenig Energie aufwenden, fühlen uns wohl und sicher. Alles was wir noch nie gemacht oder erlebt haben, liegt außerhalb dieses Bereichs und bedeutet, sich dem Unbekannten zu stellen. Dies empfinden wir als anstrengend, aufregend oder bedrohlich und vermeiden daher lieber den Aufbruch aus der Komfortzone in die angrenzende Lernzone. Sich neuen Situationen auszusetzen birgt eine potenzielle Gefahr und lässt im Gehirn die Alarmglocken läuten. Sind wir einschneidenden Begebenheiten sehr plötzlich ausgesetzt, bezeichnet man dies als akutes Stressgeschehen. Begegnen uns solche Situationen, geraten wir in höchste psychische und physische Anspannung, kurzum in Stress. Der entsteht in unserem Kopf, konkret in der Hirnrinde, wo die alarmierende Information zuerst landet. Von dort setzt sich das Störfeuer fort, über Nervenfortsätze bis in alle Regionen unseres Körpers. Um mit dieser Belastung fertig zu werden, stellt unser Hormonsystem Adrenalin zur Verfügung, mit dem Ziel, die drohende Gefahr durch Angriff oder Flucht zu meistern. Herz und Kreislauf werden dadurch stabilisiert und ausreichende Energiereserven aktiviert. Verläuft die Stressreaktion weniger spontan, ist sie vielmehr von Dauerhaftigkeit geprägt, wird der damit verbundene Erregungszustand durch das Hormon Kortisol ausgelöst.

Adrenalin wirkt kurzfristig und ermöglicht unserem Körper unmittelbare Kampf- oder Fluchtreaktionen. Kortisol hingegen wirkt auch über längere Zeiträume und wird ausgeschüttet, solange wir uns weigern, allfällige Veränderungen anzunehmen und adäquate Lösungen zu finden. Das jedoch gelingt nicht in der Komfortzone, sondern nur über den beherzten Aufbruch zu neuen Ufern. Sind wir bereit, neue Erfahrungen zu machen und uns zu verändern, sollten wir jedoch darauf achten, uns kein zu großes Lernpensum aufzubürden. Denn wenn wir uns dabei überfordern, verstärken wir den Stress nur noch weiter. 

Bleib neugierig

Herzlichen Glückwunsch an alle, die in diesen Wochen Ihr Abitur „in trockenen Tüchern“ haben. Wieviel des umfangreichen Lernstoffs dann tatsächlich fürs Leben war, wird sich zeigen. Die Schulzeit prägt unsere Einstellung zum Lernen. Und die Klauen der Leistungsgesellschaft tragen ihr Scherflein dazu bei, dass unser Gehirn folgende Verbindung herstellt: Lernen- Erfolg haben müssen- sich anstrengen- Versagen bringt Sanktionen.

Dabei haben wir es als Erwachsene besser als unsere Schüler. Wir können lernen, müssen aber nicht. Und wenn wir wollen, dann können wir uns aussuchen, was uns Spaß macht, brauchen uns nicht unter Leistungsdruck setzen, können anfangen und wieder aufhören, brauchen niemanden etwas beweisen und es ist egal, ob wir mit den neuen Fähigkeiten eine längere Beziehung eingehen, oder sie nach Kursende gleich wieder an den Nagel hängen.

Aber lernen sollten wir – lebenslang! Lernen bedeutet unsere Komfortzone zu verlassen und Neues zu wagen. Das bringt uns und unser System auf Trab. Es fordert uns, wir fühlen uns lebendig und spüren die Inspiration, die neuen Erfahrungen inne wohnt.

Warum tun wir es dann so selten? Warum trauen wir uns nicht, unsere Flügel auszubreiten und uns zu entfalten. Angst oder Bequemlichkeit? Oder eine Mischung aus beiden? Der Neurobiologe Gerald Hüther ist der festen Überzeugung, dass der Wunsch nach Wachstum eine wesentliche Eigenschaft des Menschen ist.

Also auf, auf! Was wollten Sie immer schon ausprobieren? Welche Erfahrungen reizen Sie? Melden Sie sich im Kletterwald an. Oder kaufen Sie sich ein Klavier. Lernen Sie segeln, oder buchen Sie einen Kurs zum Erstellen Ihrer eigenen Homepage. Egal was – es gibt für alles eine Möglichkeit und ein „erstes Mal“. 

Viel Vergnügen in einem erfahrungsreichen und lernintensiven Sommer. Verlassen Sie Ihre Komfortzone und breiten Sie Ihre Flügel aus.